Ist Belegte Anwendung wissenschaftlich belegt oder vor allem traditionell überliefert?
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TIKKI Wissensantwort
Auf Human-Ebene ist eine saubere Trennung nötig: Nicht jede positive Kamillenstudie ist automatisch eine Studie zum ätherischen Öl. Ein großer Teil der belastbaren Evidenz betrifft standardisierte Extrakte der Blüte, Aufgüsse und Kombinationspräparate. Nur ein kleinerer Teil betrifft das ätherische Öl selbst. Regulatorisch ist die innerliche Anwendung von Matricariae flos bei leichten Magen-Darm-Beschwerden wie Krämpfen, Blähungen, Aufstoßen und epigastrischer Auftreibung von ESCOP, EMA/HMPC und Kommission E als etablierte Indikation anerkannt. Ebenso anerkannt ist die äußere Anwendung bei leichten Entzündungen und Reizungen von Haut und Schleimhäuten, unter anderem an der Mundhöhle und dem Zahnfleisch, an den Atemwegen per Inhalation sowie im Anal- und Genitalbereich als Sitzbad (etabliert, hohe Confidence; ESCOP-Monographie Matricariae flos; EMA/HMPC Community Herbal Monograph). Die Kommission E schreibt der Kamille antiphlogistische, muskulotrop-spasmolytische, wundheilungsfördernde, deodorierende, antibakterielle, bakterientoxinhemmende und Hautstoffwechsel-stimulierende Wirkungen zu (traditionell mit behördlicher Anerkennung, hohe Confidence; Kommission-E-Monographie). Bei Angststörungen sind die klinischen Daten für die Deutsche Kamille am robustesten und beruhen dabei auf einem standardisierten oralen Blüten-Extrakt, nicht auf dem reinen ätherischen Öl. Bei generalisierter Angststörung zeigte ein standardisiertes Präparat mit 1500 Milligramm pro Tag in randomisierten kontrollierten Studien (Amsterdam 2009, Keefe 2016, Mao 2016) eine über Placebo hinausgehende und klinisch relevante Symptomreduktion. In der Langzeitstudie zur Rückfallprävention war der Vorteil gegenüber Placebo dagegen nicht signifikant. Eine systematische Übersicht 2024 mit 10 Studien und 844 Teilnehmenden berichtet überwiegend positive Effekte, weist aber auf heterogene Präparate und Qualitätsprobleme hin (Human, mittlere Confidence; Amsterdam et al. J Clin Psychopharmacol 2009; Mao et al. Phytomedicine 2016 / PMC5646235; PMC5589134; PMC12768350). Bei topischen Anwendungen liegt für eine kamillenhaltige Zubereitung wie die Kamillosan-Creme eine randomisierte multizentrische Studie bei atopischer Dermatitis vor, in der die Wirksamkeit mit niedrig dosiertem Hydrocortison, 0,25 Prozent, vergleichbar war und signifikant über einer nichtsteroidalen Vergleichsanwendung lag. Die Gesamtdatenlage zur topischen Kamille bei entzündlicher Haut bleibt aber begrenzt und methodisch uneinheitlich (Human, mittlere Confidence; PMC2995283; Dermnet NZ Chamomile). Speziell für das ätherische Öl gibt es einige neuere Signale. Bei mildem bis moderatem Karpaltunnelsyndrom führte in einer doppelblinden, plazebokontrollierten Studie mit 86 Teilnehmenden eine vierwöchige topische Anwendung von Kamillenöl in Kombination mit einer Schiene zu signifikanten Verbesserungen von Griffkraft, Funktionalität und Symptomscore gegenüber Placebo (Human, mittlere Confidence; systematisches Review Pharmaceutical Biology 2025). Ein systematisches Review mit Meta-Analyse aus dem Jahr 2025, das 11 randomisierte kontrollierte Studien einschloss, fand für Kamille-Zubereitungen, nicht ausschließlich für das Öl, statistisch signifikante Reduktionen von Schmerzstärke und mukosaler Entzündung, zum Beispiel bei Mukositis (Human, mittlere Confidence; Pharmaceutical Biology 2025). Für die Inhalations-Aromatherapie mit Kamillenöl gibt es mehrere kleine randomisierte Studien, die Angst-, Depressions- und Stresswerte senkten, unter anderem bei älteren Menschen und bei Patientinnen und Patienten nach perkutaner Koronarintervention auf der Intensivstation. Die Effektstärken sind moderat, die Studien klein, die Instrumente heterogen. Eine RCT mit 64 jungen Erwachsenen mit Insomnie zeigte, dass 15 Nächte Inhalation von 1,5-prozentigem Kamillenöl vor dem Schlafengehen die Insomnie-Schwere und die Schlafqualität signifikant verbesserten. Ein systematisches Review 2024 zur Wirkung von Kamille auf Schlaf kommt zu einer positiv-vorläufigen Bewertung wegen kleiner Fallzahlen und Heterogenität. Kein Endpunkt beruht dabei ausschließlich auf ätherischem Öl; viele Studien nutzten Extrakte oral (Human, niedrige Confidence; PubMed 33454232; PMC3588400; Sage Journals 00912174241301279, Deepa et al. 2025; ScienceDirect S0965229924000591). Auch bei chronischer Insomnie zeigen kleinere klinische Studien mit oralem Kamillenextrakt bestenfalls moderate Effekte; die Evidenz ist begrenzt und nicht schlüssig (Human, niedrige Confidence; MSKCC About Herbs Chamomile). Bei funktioneller Dyspepsie und Reizmagen ist Kamille Bestandteil des 9-Kräuter-Kombinationspräparats Iberogast (STW 5). Ein Cochrane-Review fand für STW 5 einen möglichen Vorteil gegenüber Placebo bei allerdings niedriger Evidenzqualität. Für Reizdarm- und Reizmagen-Symptome zeigt eine aktuelle Analyse, dass Pfefferminzöl und Kümmelöl tendenziell besser abschneiden als das kamillehaltige Iberogast. Kamille bleibt als komplementärer Baustein in etablierten Kombinationen aber sinnvoll (Human, mittlere Confidence; Cochrane Deutschland; PTAheute 2023). Bei Säuglingskoliken zeigte eine Fenchel-Kamille-Melisse-Kombination in einer randomisierten Studie 2005 mit 93 Kindern eine signifikante Reduktion der Schreidauer. Eine weitere randomisierte Studie beschreibt eine Symptomreduktion unter topischem Kamillenöl. Die Gesamtdatenlage bleibt begrenzt (Human, mittlere Confidence; Savino et al. 2005; Naturopathic Pediatrics Review 2024; Journal of Pharmaceutical Research International 2020). Für die orale Mukositis unter Chemo- oder Strahlentherapie ist die Studienlage widersprüchlich. Einige randomisierte Studien zeigen Nutzen für Kamillen-Mundspülungen, besonders in Kombination mit Pfefferminze. Eine größere Studie mit 164 Teilnehmenden unter 5-Fluorouracil zeigte dagegen keinen signifikanten Prophylaxe-Effekt. Leitlinien geben derzeit keine klare Empfehlung (Human, mittlere Confidence; Medical Tribune; Rosenfluh Arsmedici Phytotherapie 2007; naturheilkunde-krebs.de). Für die Wundheilung gibt es experimentelle Daten und kleinere klinische Signale, etwa bei Dekubitus und postoperativen Wunden, die entzündungshemmende und wundheilungsfördernde Effekte stützen. Große randomisierte kontrollierte Studien fehlen jedoch (Human, niedrige Confidence; PMC9032859; MSKCC Monograph).
Öffentliche Quellen
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