Die interessantesten Wirkbefunde stammen aus dem Labor, und hier ist Ehrlichkeit besonders wichtig, weil das Öl chemisch anders zusammengesetzt ist als der Extrakt, der die meisten Effekte trägt. Spasmolytisch, also krampflösend an glatter Muskulatur, ist die Römische Kamille im Reagenzglas gut untersucht. Sowohl ein hydroethanolischer Extrakt als auch das ätherische Öl entspannen vorkontrahierte glatte Muskulatur an isoliertem Gewebe. Das Öl zeigte in Konzentrationen von 1 bis 10 Mikrogramm pro Milliliter eine Relaxation von etwa 31 bis 70 Prozent. Getestet wurde an Meerschweinchen-Ileum, an Blase und Kolon, an Ratten-Magen-Darm-Gewebe sowie an menschlichen Jejunum-Streifen. Der Effekt ist direkt und läuft nicht über beta-Adrenozeptoren, Stickstoffmonoxid oder Serotonin- und Purin-Signalwege. Diese Befunde stützen die traditionelle verdauungsberuhigende Anwendung experimentell und haben für die In-vitro-Ebene hohe Confidence (Sandor et al., PMC5897738, mit dem programmatischen Titel, dass die Tradition durch die In-vitro-Effekte gestützt werde). Der Haken liegt im Mechanismus: Die Relaxation korreliert mit dem Gehalt an wasserlöslichen Flavonoiden wie Apigenin, Luteolin, Hispidulin und Eupafolin. Genau diese Stoffe sind im ätherischen Öl aber nur in Spuren enthalten. Für die klassische verdauungsfördernde, krampflösende Wirkung ist deshalb eher der Tee oder der Extrakt relevant als das ätherische Öl selbst. Diese Zuordnung ist plausibel, aber in der Confidence mittel (PMC5897738; Löslichkeitslogik). Weiter zeigt das Öl in vitro eine antioxidative Aktivität als DPPH-Radikalfänger mit einem IC50 von etwa 135 Mikrogramm pro Milliliter sowie eine antibakterielle Wirkung gegen Staphylococcus aureus mit einem Hemmhof von rund 20 Millimetern und eine antifungale Wirkung gegen Aspergillus flavus. Das sind solide Laborbefunde mit mittlerer Confidence, aber eben Laborbefunde (Frontiers in Chemistry 2025, PMC11832495). Zur akuten Giftigkeit gibt es einen Anhaltspunkt aus dem Salinenkrebs-Test (Artemia salina): Das Öl sowie isolierte Angelate, Tiglate und Senecioate erwiesen sich als nicht toxisch, nur einige Methacrylate zeigten eine geringe Toxizität mit einem LC50 über 48 Stunden von 125 Milligramm pro Liter. Die Autoren werten die Verbindungen insgesamt als sicherheitlich unbedenklich; das ist ein In-vitro-Signal mit mittlerer Confidence, kein Sicherheitsbeweis für den Menschen (Molecules 2025, PMC12843988). Ausdrücklich als reine Hypothese einzuordnen sind vorgeschlagene molekulare Zielstrukturen wie NADPH-Oxidase, Acetylcholinesterase, das bakterielle Adhäsin FimH und eine Aspartatprotease. Sie stammen aus In-silico-Docking-Rechnungen zu beta-Oplopenon und sind kein am Menschen belegter Rezeptormechanismus. Confidence entsprechend niedrig (Frontiers in Chemistry 2025, PMC11832495, Molecular Docking). Auf Tierebene gibt es zwei Befunde. Erstens wirkte das Öl von Chamaemelum nobile im Nagermodell schmerzlindernd und entzündungshemmend, wobei oral etwa 180 Milligramm pro Kilogramm Schmerz und Entzündung in Standardmodellen reduzierten (analgetische Phytochemie-Studie an Nagern, ResearchGate 328676073, Abstract). Zweitens verringerte die Inhalation des Römisch-Kamillen-Öls bei Wistar-Kyoto-Ratten depressionsähnliches Verhalten, was eine mögliche stimmungsaufhellende und beruhigende Wirkung nahelegt (Science China Life Sciences 2017, Springer 10.1007/s11427-016-9034-8). Beide Ergebnisse sind mit mittlerer Confidence belegt, aber ausdrücklich nicht auf den Menschen übertragbar.
Öffentliche Quellen
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